Persönlich, Ausgabe Juli 2016, Seite 42

«Keine Bange, der Coiffeur-Deal gilt noch lange!»

Autofirmen kaufen ihre Teil dort ein, wo sie am günstigsten sein, und setzen sie neu zusammen. Warum soll dies im Dienstleistungssektor nicht möglich sein? Christian Lämmler hat mit www.60francs.ch eine Idee umgesezt.

 

Der Coiffeur schneidet, rasiert, strählt und putzt und wird dafür direkt bezahlt. Keine Bange, dieser Deal gilt noch lange. Je besser der Coiffeur, desto grösser sein Honorar.

Es ist noch nicht allzu lange her, dass ich im Internet vier Sommerreifen bestellte. Als ich diese hier in einem Pneuhaus montieren lassen wollte, wurde ich vom Monteur harsch angegangen. «Wo haben Sie diese Pneus gekauft? Aha, im Internet. Dann montieren sie diese Reifen doch auch gleich dort.» Ich war wie vor den Kopf gestossen. Fand dann aber auf der Homepage des Reifenlieferanten gerade mehrere Vertragswerkstätten in unmittlerbare Nähe – und einen freundlichen Monteur. Und wurde bestens bedient. Natürlich war das Trinkgeld für diesen freundlichen Pneu-Mech umso generöser. Dem Monteur vom Pneuhaus aber, sei dringend geraten, umzudenken.

Sein Beispiel ist nur eines von vielen, dass vor allem Dienstleister in allen möglichen Bereichen, auch im grafischen Gewerbe, dringend ihr Geschäftsmodell überdenken müssen. Ihre Arbeitsprozesse werden heute fast ausnahmslos über Computer erledigt. Und der Computer liefert neue Dienstleistungs-Mödelle und Möglichkeiten.

Autofirmen entwickeln und kaufen Teile weltweit dort ein, wo sie am günstigsten zu haben sind. Zusammengesetzt werden die Teile an einem Standort. Warum soll dies nicht auch im Dienstleistungsektor möglich sein, habe ich mich gefragt. Natürlich ist der Vergleich zu meiner kleinen Internet-Plattform jetzt etwas gar ambitioniert.

Aber, «was den grossen Unternehmen recht ist, sollte für KMUs preiswert sein», sagte ich mir und vernetzte mich aufgrund meiner weltweiten Kontakte für einen neuen Dienstleistungszweig. Er heisst 60francs.ch. Ich hätte diesen auch «Connections» taufen können.

Über 34% der arbeiteten Bevölkerung in den USA sind bereits als Freelancer (frei beruflich) tätig. Das heisst, sie arbeiten ohne Anstellungsvertrag, auf Stunden- oder Projektbasis. 60 % von ihnen, hätten im Vergleich zu früher, wo sie angestellt waren, ein höheres Einkommen.

International tätige Unternehmen beschäftigen seit längerer Zeit Freelancer und profitieren dabei in mehrfacher Hinsicht: Ausländische Experten sind günstiger als lokale, Infrastruktur ist vernachlässigbar (kein Büro), Projektkosten und Risiko kalkulierbar da die Bezahlung erst bei konkretem Leistungsnachweis erfolgt.

Die bisherigen Arbeitsmodelle überdenken ist also zwingend notwendig. Von Direktbetroffenen als auch vom Staat. Natürlich wehren sich die Vertreter der geschützten Werkstätten (noch) vehement gegen die neue Zeit. Und die Politiker reagieren zuerst mit Verboten. Aber es ist nun mal so: Outsourcing ist zum unternehmerischen Modewort der letzten Jahre geworden. Wir müssen uns daran gewöhnen: In einem Hochpreisland, wie es die Schweiz ist, kann man nur dann noch Dienstleistungen zu einem hohen Preis anbieten, wenn diese exklusiv – oder lokal – sind. Doch davon leben lässt sich hier noch immer ganz gut

Doch Logos entwerfen. Webseiten aufbauen. Übersetzungen. Bildbearbeitungen. Retouchen. Videos editieren. Musik komponieren. Vocals aufnehmen. Mariachi-Klänge in Mexiko einspielen. Werbefilme schneiden, und so weiter und so fort, das kann man genau so gut im Ausland tun. Beispiele von Dienstleistungen die man outsourcen kann, gibt es genug. Manche haben es probiert, es funktioniert. Und immer besser. Dank Skype ist sogar der persönliche Kontakt und Gedankenaustausch mit den Lieferanten aus aller Welt möglich. Und hat meist auch Unterhaltungswert.

Bloss Haare schneiden kann man (noch) nicht via Skype.

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